Zurück Susanne Rackwitz Weiter

 

 

Ruhe sanft


Ach“, sagte die alte Dame begeistert. „Ist es hier nicht wie im Paradies?“
Manfred Strusella sah sie benommen an. Paradies? Dies hier?
Verzweifelt schloss er die Augen und versuchte, den dicken Kloß in seinem Hals herunter zu schlucken.
Sein erster Schrei bahnte sich den Weg durch seine Kehle, ein Schrei wie ihn der Ort noch nie gehört
hatte. Und noch ein Schrei, gellend, unmenschlich, gefolgt von einer Serie von Lauten, die dieses
scheinheilige Städtchen erschütterten. Strusella konnte gar nicht wieder aufhören.

Begonnen hatte alles mit einer Werbung für Tröstedt, einem kleinen Ort in der Nähe der ehemals innerdeutschen Grenze. Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe hatte das Prospekt versprochen und genau das war es, was Strusella so dringend benötigte. Kurz entschlossen buchte er im örtlichen Hotel ein Zimmer für drei Wochen, packte seine Siebensachen und fuhr durch goldfarbene Weizenfelder, wasserglitzernde Moore und dunkle Märchenwälder nach Tröstedt, das inmitten eines Tales fernab anderer Orte friedlich vor sich hindöste. Erfreut registrierte Strusella bei seiner Ankunft das Fehlen jeder Art von Lärm. Toll, dachte er. Die haben wirklich nicht zuviel versprochen!

Das kleine Hotel erwies sich als ebenso ruhig, wie das übrige Städtchen. Strusella bekam kaum eine andere Menschenseele zu sehen, von den bedächtig sprechenden Besitzern der kleinen Läden im Zentrum Tröstedts und den leise flüsternden Hotelangestellten einmal abgesehen. Kein Fahrzeug störte die ländliche Ruhe, kein Hundegebell war zu hören.

Strusellas alter VW stand einsam da und diente einer rötlichen Katze als Schlafplatz, während er den Ort und die Umgebung erkundete und die Ruhe genoss. Das Fehlen von Fernseher und Radio störte Strusella in den ersten Tagen überhaupt nicht. Sollte doch die Welt mit ihren Problemen dort draußen bleiben, er hatte die Nase voll davon. Tröstedts Zusatzbonus bestand in einem Funkloch, was den Urlauber mächtig freute, der das Handy in die unterste Schublade verbannte. Nun konnten sie ihn wirklich alle mal. Erst am dritten Tag bemerkte Strusella, dass trotz der vielen Bäume ringsumher kein Vogelzwitschern zu hören war. Das erschien ihm ungewöhnlich, aber natürlich machte er sich keine Gedanken darüber. Die herrschende Stille empfand er einfach als paradiesisch.

Etwa eine Woche nach seiner Ankunft bemerkte Strusella, dass ihm dieses totale Fehlen jeglichen Lärms doch irgendwie auf den Nerv ging. Um den Kokon aus geflüsterten Worten und der unnatürlichen, wie verwobenen, Stille zu durchbrechen, begab sich Strusella in die örtliche Kneipe und fand diese brechend voll. Das Schweigen, welches bei seinem Eintreten herrschte, hätte in eine kneipentypische Lärmkulisse münden müssen, sobald Strusella begutachtet und für harmlos befunden worden war. Nichts dergleichen geschah. Die anwesenden Gäste ließen außer einem gelegentlichen Hüsteln und geflüsterten Worten nichts von sich hören, wiewohl sie ihn neugierig musterten. Strusella zog sich einen der Stühle näher an die Bar und das Schnarren des Holzes auf dem Fußboden übertönte die fast vollendete Geräuschlosigkeit des gesamten Raumes. Missbilligende Blicke belehrten ihn seines Fauxpas. Unangenehm berührt, trank Strusella schnell sein Bier, nickte dem wortkargen Wirt zu und verschwand.

In den nächsten Tagen sollte die in Tröstedt vorherrschende Ruhe zu einer umfassenderen Ruhelosigkeit Strusellas führen. Noch vor kurzem, dachte Strusella, hätte ich das nicht für möglich gehalten, und begab sich auf Geräuschejagd. Zunächst setzte er sich in sein Auto und betätigte voller Vorfreude den Anlasser, der allerdings nur ein müdes „hrrhrr“ von sich gab. Auch die Hupe äußerte außer einem todkranken „mööep“ keinen verwertbaren Ton. Enttäuscht wandte sich Strusella zu Fuß gen Marktplatz, wo er sich geräuschvolle Begegnungen mit anderen Menschen erhoffte. Irgendwo musste es doch wenigstens ein heulendes Kleinkind geben, welches die angestrengte Stille durchbrach. Aber auch hier musste Strusella feststellen, dass Tröstedts Bewohner und Gäste nicht daran dachten, durch das Erzeugen lauterer Töne in Erscheinung zu treten, was eine gewisse Panik in ihm erzeugte. Strusella kam auf die Idee, die Leute mit lauter Stimme nach der Uhrzeit zu fragen. Das war ja wohl nicht verboten! Nicht nur, dass die Älteren ihn mit Blicken bestraften, die ihm eine Gänsehaut verursachten. Selbst die Kinder legten ihre Zeigefinger hochkant an die jungen Lippen und raunten: „Psssst“. Strusella schämte sich.

Einige der Einwohner rotteten sich schon in kleinen Gruppen zusammen und warfen ihm feindselige Blicke zu. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, legte Strusella den Rückwärtsgang ein und hätte selbiges gern auch bei seinem vierrädrigen Gefährten getan, wenn dieser ihn nicht so schmählich im Stich gelassen hätte. Im Hotel gab man ihm die Auskunft, dass die nächste Werkstatt etwa 40 Kilometer entfernt war. Momentan seien aber die Zufahrtswege nach Tröstedt gesperrt, einmal wegen mehrerer umgestürzter Bäume und zum anderen wegen der Ernte, die in diesen Tagen in aller Stille ringsum den Ort stattfand. Keine Sorge“, flüsterte die Dame an der Rezeption. „Das wird schon wieder. Haben Sie etwas Geduld und genießen Sie die Ruhe.“ Schon jetzt neigte Strusella dazu, dem allerorts herrschenden Flüstern mit einem gekonnten Schreikrampf zu begegnen. Nur das leise, fast schüchterne „Kuckuck“ des Vogels aus der gleichnamigen Uhr, hielt ihn davon ab.

Am Morgen danach versuchte Strusella wiederum zu Fuß sein Glück. Zahlreiche Wanderwege mündeten in Tröstedt. Einer davon würde wohl in einen anderen Ort führen, in welchem eine normale Geräuschkulisse herrschte, dachte er. Guten Mutes machte Strusella sich auf den Weg, überquerte unverzagt Brücken, hüpfte über leise murmelnde Bäche, stieg steile Wege bergan und bergab, um am Abend fest zu stellen, dass ihn die unergründlichen Pfade wieder nach Tröstedt zurück geführt hatten. Als ihm dieses am nächsten und auch am dritten Tag passierte und die Dame im Hotel immer noch bedauernd flüsterte, dass die Zufahrtswege gesperrt seien, rastete Strusella aus. Sein Schreien führte zu Ohnmachtsanfällen bei ausnahmslos allen weiblichen Bediensteten, was wiederum die männlichen Angestellten veranlasste, Strusella zu bändigen, in dem sie ihn wie ein Paket verschnürten und ihm ein Stück Klebeband über dem Mund platzierten. Strusellas hochrotes Gesicht zeugte von seiner Erregung, was die aus der Ohnmacht erwachten weiblichen Angestellten und deren zähneknirschende männliche Kollegen nicht weiter berührte. „Das hat er nun davon. Geschieht ihm ganz recht“, hörte Strusella und meinte, vor Wut platzen zu müssen. Was er natürlich nicht tat.

Nach einer Viertelstunde hatte Strusella sich so weit entfärbt, dass das Hotelpersonal darauf vertrauen konnte, keinen weiteren Aufruhr erleben zu müssen und ihm die Fesseln nebst Klebeband abnahm. Strusella kauerte schweißüberströmt auf dem Boden. Seine nun deutlich vorhandene Panik verursachte ihm Übelkeit und trieb ihm die Tränen in die Augen, die er sich mit zitternder Hand abwischte. „Ich möchte gehen“, murmelte er. Auf wackligen Beinen wankte Strusella auf sein Zimmer, nahm sich nicht einmal die Zeit, sich mit kaltem Wasser zu erfrischen, sondern warf wild durcheinander Kleidungsstück für Kleidungsstück in seine Koffer um zuletzt festzustellen, dass er nicht in der Lage war, sein Gepäck auch nur bis zur Tür zu tragen. Erschöpft fiel Strusella auf das Bett und in einen tiefen Schlaf, dessen lautlose Träume beunruhigend durch seine Eingeweide krochen.

Er erwachte gegen 4 Uhr morgens zitternd und zweifelnd, ob ihm dies alles tatsächlich widerfahren sei oder ob er einfach nur böse geträumt hatte. Als er das Fenster öffnete, bemerkte Strusella einen Mann, der in einer Hand zahlreiche Schlingen mit toten Vögeln trug. Zunächst dachte Strusella an die Hotelküche, denn es konnte sich ja um Wachteln oder Ähnliches handeln. Die Vögel wanderten jedoch in eine Mülltonne. Gefüllt mit hunderten anderer toter Vogelleiber, was Strusellas Würgereflex aktivierte. Nun mochte er sich auch nicht mehr über das fehlende Vogelzwitschern wundern. Wahrscheinlich erging es anderen Tieren, die Tröstedts Stille zu stören drohten, genau so. Strusella bekam es mit der Angst zu tun. Der Vorfall vom Vortag zeigte ihm, dass die Tröstedter auch beim Menschen nicht lange fackelten, wenn es um die Bewahrung ihrer Ruhe ging. Wie mochte das enden?

Entschlossen machte Strusella sich auf den Weg. Seine schockierende Erkenntnis der in Tröstedt zu erwartenden Gefahren, gab ihm die Kraft, unbemerkt vom Personal aus dem Fenster zu klettern und sich auf die Suche nach einem Polizeirevier zu machen, das er dann auch bald fand. Es handelte sich um eine kleine Dienststelle, der Größe des Ortes angemessen und es ging dort ebenso leise zu, wie außerhalb der staatsgewaltigen Hallen, was ihn seltsam berührte. Während Strusella wartete, fiel ihm auf, dass auf den beiden Schreibtischen keine Telefone zu sehen waren. Ein Schauder lief über Strusellas Rücken, der sich noch verstärkte, als der Polizeibeamte, welcher seine Aussage aufnahm, ihn misstrauisch ansah. „Sie wollen doch wohl nicht ernsthaft behaupten, man habe Sie im Hotel gefesselt und geknebelt?“ flüsterte er. Strusella bebte vor Entrüstung. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er hier keine Hilfe zu erwarten hatte. „Vielleicht habe ich ein wenig zuviel getrunken“, rettete Strusella sich aus der Situation. Der Beamte nickte verständnisvoll und klopfte ihm auf die Schulter. „Das kann jedem einmal passieren. Gehen Sie und schlafen Sie noch ein bisschen, genießen Sie die Ruhe.“

Kraftlos schleppte Strusella sich bis zum Markt, wo die harmlose Frage der alten Dame ihn vollends davon überzeugte, dass er den Verstand verlor, wenn er hier nicht weg kam. Die Worte der Alten explodierten regelrecht in ihm. „Ist es hier nicht wie im Paradies?“
Strusellas Schreie kamen spontan, aber laut und durchdringend. Zuerst klangen sie nur verzweifelt, wie von einem tödlich verwundeten Tier, dann provozierend. Offensichtlich empfanden das die anderen Leute, die sich hier eingefunden hatten, ebenso. Sie hielten sich die Ohren zu und einige waren einer Ohnmacht nahe.

Den ersten Stein warf eine dralle Frau im geblümten Kleid. Er traf Strusella an der Schläfe und sorgte für eine kurze Pause, während der er die Augen öffnete und wieder schloss, um erneut seine nervtötenden Schreie auszustoßen. Und dann bückten sich die anderen nach einem passenden Wurfgeschoss.